"Also muss jemand, der einen anderen täuschen will, ohne dabei selbst getäuscht zu werden, die Ähnlichkeit der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinander halten" [Platon]
Ist der bisherige "Dialog der Kulturen" als Chance oder als Farce einzustufen?
Diese Frage kann eindeutig mit Farce beantwortet werden. Denn aus einem Dialog ist ein Monolog geworden, indem ein nicht geringer Teil der islamischen "Dialogpartner" Da'Wa für ihre Auslegung der Religion betreiben und als dauerbeleidigte Gruppe immer mehr ihnen nicht zustehende Rechte einfordern.
Der Gegenpart zeigt sich mehr und mehr als eine Gruppe von "Tauben" und "Blinden", die vorliegende Fakten nicht sehen und hören wollen. Der jetzige "Dialog" ist von al-Taqhallub (Dominanz des Islam") und von der Taqyia (Lüge, siehe Sure 3, Vers 54 des al-Quran: "Und sie schmiedeten Pläne, und Allah schmiedete Pläne; und Allah ist der beste Planer"[ die hier zitierte Übersetzung stammt von Murad Wilfried Hofmann, in der Reclam Ausgabe des al Qur'an steht für Pläne "Listen", was hier besser passt, da Taqyia u.a. mit "Hinterlist" übersetzt werden kann] bestimmt. Dabei tritt der Islam in seiner fundamentalistischen Auslegung als Symbiose aus Religion und Politik als überlegenes Gegenmodell zu westlichen Systemen auf, der solange Einfluss gewinnt, wie die Gegenseite schwach ist.
Wichtig
Der bisherige Dialog stellt einen "Kampf der Wörter und ihrer Bedeutung" dar. Anstatt der historischen Wahrheit zu folgen, wurden Schlüsselbegriffe umgedeutet und historische Ereignisse relativiert. Ausserdem soll durch "Weisheit und Ermahnung" zur Konversion eingeladen werden (siehe Sure 17, Vers 125: "Lade zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung ein, und diskutiert mit ihnen auf die beste Art und Weise..."). Damit trifft man im Dialog auf bestens ausgebildete und gewandte Vertreter, die fest im Glauben stehen.
Wir müssen uns eines klar vor Augen halten. Es geht um einen grundlegenden Konflikt zwischen zwei Arten des Denkens.
Während im vorherrschenden islamischen theozentrischen Denken Allah Vorrang besitzt, steht im abendländisch-westlichen anthropozentrischen Denken seit der Renaissance der Mensch im Mittelpunkt.
Deshalb erfolgt eine Korrektur der Elf immer wieder gehörten Argumente im Dialog:
1.) "Islâm" bedeutet Frieden.
Das ist nicht korrekt, da Islam Eregebung inden Willen Allahs bedeutet, wobei eine Trennung zwischen christlichen Gott und islamischen Allah zu ziehen ist. Denn die Begriffe implizieren jeweils andere Gottesbilder. Deshalb glauben Juden, Christen und Muslime zwar an einen monotheistischen Gott in der konkreten Ausübung der Religion. Aber der islamische Glaube unterscheidet sich z.B. in der Frage der Beigesellung (siehe Sure 112, Vers 3). So ist Christus nicht Gottes Sohn, sondern "nur" ein Prophet wie Muhammad, dessen Prophezeiungen von Juden und Christen verfälscht wurden. Der Islam grenzt sich sowohl gegen das Judentum ab (siehe historische Entwicklung), als auch gegen das Christentum im Antagonismus von Tauhid und der Rolle von Jesus. Er sieht andere Religionen nicht als gleichberechtigt an, sondern sein Ziel ist die Konversion aller Menschen zum Islam. Folgen sie Da'Wa nicht, müssen sie als Dhimmî mit minderen rechten außerhalb der Umma leben. Polytheisten und Atheisten sind zu töten, wenn sie nicht konvertieren.
Das arabische Wort "Islâm" stellt ein Verbalnomen dar, dessen ursprüngliche Bedeutung "Weggeben" war. Es meint damit im übertragenden Sinne, dass der Gläubige sich ganz aus der Hand gibt, eine existenzielle Beziehung zu Allah eingeht und sich ganz seinen Willen unterwirft. Allah selbst unterscheidet sich dabei vom christlichen Gott schon durch den "Thronvers: Sure 2, Vers 255 [ayat al Kursi]", da er seit der Schöpfung alles "überwacht".
2.) Der Islam ist tolerant.
Sure 2/Vers 256 "Kein Zwang im Glauben" verdeutlicht das angeblich. Das ist nicht korrekt, da dieses Fragment nur die "Freiheit zu" anerkennt. Und zwar die Freiheit in der Unterwerfung unter den Willen Allahs. Nach abendländisch-philosophischer Ansicht gibt es dagegen sowohl die "Freiheit zu", als auch die "Freiheit von". Das verdeutlicht Artikel 4 Grundgesetz, auch wenn sein Wortlaut leider ungenau bleibt.
Nach Ansicht nicht weniger 'Ulema (islamische Rechtsgelehrte) gilt 2/256 dagegen nur dann, wenn der Islam herrscht und Juden und Christen unterworfen wurden. Die dominante Bedeutung von 2/256 im Dialog der Kulturen stellt eine bewusste Irreführung dar, da man den Ganzen Vers lesen muss. Denn danach hat Muhamad den Menschen den von der Natur zugedachten Weg wiedergegeben, während jüdische und christliche Elemente als "Entstellungen" abgelehnt werden. Im Kontext gesehen bedeutet 2/256, die "falschen" Lehren der anderen Buchreligionen müssen überwunden werden. Denn nur wenn der Islam herrscht, kann es "im Glauben" keinen Zwang geben. Den "Ungläubigen" hingegen wird schon in der folgenden Sure 2/Vers 257 das Höllenfeuer versprochen. Zu 2/256 müssen auch 3/ 19 und 4/ 25 hinzugezogen werden. Dann ergibt sich der fehlende Zwang in der Glaubenspraxis innerhalb des Islam, der nicht auf andere Religionen ausgeweitet werden kann.
Zudem wurde nach klassischer Koranauslegung Sure 2, Vers 256 durch die spätere Sure 9, Vers 73 abrogiert.
3.) Das "berühmte" Tötungsverbot aus Sure 5/Vers 32 (Sinngemäß: Wer einen Menschen tötet, ist so, als ob er die ganze Menschheit tötet)".
Das ist nicht korrekt, da dieses Tötungsverbot nur für Muslime untereinander gilt. Dieses Tötungsverbot der Muslime untereinander findet sich explizit in Sure 4/Vers 93 ("Wer einen Gläubigen mit Vorsatz tötet, dessen Lohn ist die Hölle..."). Somit müssten die islamischen Vertreter im Dialog sich ausdrücklich gegen Jihadisten aussprechen. Außerdem wird der Vers unvollständig zitiert, da der Anfang im Original lautet: "Den Kindern Israels hat Gott geboten...". Somit bezieht sich der Vers auf Aussagen des Judentums, die Muhammad genutzt hat, um die Juden zur Konversion zu bewegen. Denn ihnen wird vorgeworfen, die Rabbiner zu Herren neben Gott zu nehmen, während den Christen dasselbe bezüglich der Mönche und Jesus vorgeworfen wird (Sure 9, Vers 31)
Das Originalzitat findet sich in der jüdischen Mischna, Kapitel "Sanhedrin":
"Denn jeder, der eine Seele Israels tötet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt getötet hat, und jeder, der eine Seele Israels rettet, der gelte nach der Schrift wie einer, der eine ganze Welt gerettet hat."
In der Auslegung der Texte beschränkt sich diese Aussage auf Angehörige der eigenen Religion.
4.) Die islamischen Dialogpartner vertreten "den Islam".
Das ist nicht korrekt, da der durch eine ausgeprägte Binnendifferenzierung geprägte Islam inhomogen ist und an ethnischen, religiösen und politischen Abgrenzungslinien verläuft. Die Dialogpartner vertreten nur einen kleinen Teil einer islamischen Ausprägung und insgesamt auch nur die ca. 20-25% der in Verbänden organisierten Muslime in Deutschland. Generell gibt es seit der Schia keine allgemein anerkannte religiöse und politische Autorität, die für "den Islam" sprechen kann. Auch wenn die Spitzen- und Dachverbände enger zusammenarbeiten, sind sie an Organisationen in der islamischen Welt gebunden und vertreten eine spezifische Religionsauslegung.
5.) Der Islam ist keine kriegerische Religion und Jihad bedeutet nur "äußerste Anstrengung auf dem Weg Allahs". Das ist insoweit nicht korrekt, da der Islam seit der medinensischen Stärkeperiode seit 622 n.Chr. vorwiegend durch Eroberungsfeldzüge ausgeweitet wurde. Muhammad selbst hat ca. alle fünf Wochen eine kriegerische Auseinandersetzung geführt. Der Jihad selbst war vom 7. - 17. Jahrhundert ein reglementierter Angriffskrieg , um das Dar al-Islam auszuweiten. Historisch hat der Islam durch die manichäische Einteilung der Welt in Dar al-Islam und Dar al-Harb seine Expansion mittels Da'wa und Jihad gerechtfertigt (auch wenn diese Einteilung durch 'Ulema entwickelt wurde und nicht in den heiligen Quellen des Islam zu finden ist).
6.) Der Islam ist die gerechtere Wirtschaftsordnung, da es ein Zinsverbot gibt.
Das ist nicht korrekt, da "lediglich" ein Wucherverbot besteht.
7.) Islamkritik ist "Rassistisch".
Das ist nicht korrekt, da der Islam als einziges Merkmal die Angehörigkeit oder Nicht-Angehörigkeit zur Religion kennt. Die Frage verschiedener Ethnien, Staatsangehörigkeit oder anderen Konstrukten zur Grenzziehung "Wir - Andere" ist ihm fremd. Damit kann man nur die Religion kritisieren, aber nicht die Angehörigkeit zu einer Ethnie. Anders stellt es sich dar, wenn die Kritik am Islam genutzt wird, um einen Muslim als Angehörigen eines anderen Volkes im Sinne von Wertigkeit zu diffamieren.
8.) Nach den islamischen Dialogpartnern können Muslime auch in der Minderheit im "Dar al-Harb" leben.
Das stimmt für diejenigen Dialogpartner nicht, die islamisch fundamentalistisch eingestellt sind, sondern ist als Beruhigung zu sehen. Denn für sie gilt "Hudna (Windstille) = ein Waffenstillstand aus taktischen Gründen", solange die Muslime die Minderheit stellen. Wenn die Muslime die Mehrheit stellen, wird die Hudna beendet und die Schari'a eingeführt (siehe auch den dreiteiligen Jihad unter Punkt "Jihad")
9.) Der Islam kennt das Recht auf den Wechsel der Religion.
Das stimmt insoweit nicht, da Apostasie auch heute noch von vielen 'Ulema als Verbrechen angesehen wird. So werden auch in Deutschland muslimische Apostaten bedroht und verfolgt.
10.) Der Islam kennt keinen Antisemitismus, da die arabischen Völker selbst Semiten sind.
Das ist zwar richtig. Dafür besteht aber ein starker Antijudaismus bei den arabischen Völkern. Ebenso wie ein Antisemitismus bei nicht-semitischen islamischen Völkern. Dieser Antijudaismus/-semitismus baut auf den historischen Ereignissen seit dem 7. Jahrhundert auf und hat in der Neuzeit eine ideologische Prägung durch Theoretiker wie Sayyid Qutb erhalten. Er wird heute noch durch Hetzschriften wie die gefälschten "Protokolle der Weisen von Zion" oder "Mein Kampf" verbreitet und stellt sich als offizielle Staatsdoktrin islamischer Staaten dar.
11.) Die Schari'a kann relativiert und angepasst werden.
Das kann für einen gläubigen Muslim nicht gelten, da die Schari'a als von Allah den Menschen auferlegtes Gesetz angesehen wird, welches ihnen durch den al Qur'an und der Sunna als nachzueifernde Gesamtheit übergeben wurde. Damit steht die Schari'a über jedes von Menschen geschaffene Gesetz und ist ahistorisch gültig.
Das ist für die Teile der Schari'a, die die religiösen Teile umfassen (bis auf das Schlachten ohne Betäubung) nicht das Problem. Sondern die Geltung der rechtlichen Teile wie Vertragsbeziehungen oder Körperstrafen kollidieren mit westlichen Verfassungsgrundsätzen. Und hier gilt säkulares und nicht religiös intendiertes Gesetzeswerk.
Vorsicht, wenn man in Dialog einen al Qur'an als Geschenk angeboten bekommt, da man in der Regel damit Da'Wa folgt. Deshalb sollte man den Dialogpartner genau kennen.
Wichtig:
Im Dialog wird gegen Kritiker immer wieder das "Kreuzzug- und Kolonialismusargument" genutzt. Dabei zeigt die Historie, dass nicht die Kreuzzüge, sondern der Mongolensturm ab dem 12. Jahrhundert das Dar al-Islam viel mehr gefährdete. Auch das Argument der Kolonialzeit und der dort verübten Verbrechen stellt nur eine Ablenkung von der Tatsache dar, dass es die arabischen Staaten seit über vierzig Jahren nicht geschafft haben, demokratische Strukturen zu entwickeln und ihre Probleme selbst zu lösen. Vielmehr sieht sich die islamische Welt bzw. ihre Regierungen vor einem ökonomischen, sozialen und moralischen Trümmerhaufen, der durch die Herrschaft des Islam nicht gelöst werden kann. Das gilt auch für den "Palästinakonflikt", da weder die Fatah und schon gar nicht die HAMAS an einer Lösung interessiert ist, da sie dann ihre Macht und die finanziellen Mittel (insbesondere von der EU) verlieren würde.
Diese Anmerkungen verdeutlichen die bisherigen Fehlentwicklungen des "Dialoges". Aus diesem Grund sollte der "Monolog der Kulturen" beendet werden. Vielmehr muss aus einer Position der Stärke heraus, die sagt, was man von den Muslimen verlangt (Die Anerkennung unserer Freiheitlichen demokratischen Grundordnung und unseres Werte- und Normensystems) ein neuer gleichberechtigter Dialog mit liberalen Muslimen geführt werden. Und zwar "mit" und nicht nur "über" sie.
Wer in den "Dialog" eintritt, sollte sich folgendes klarmachen:
1.Wenn möglich, Informationen über den Gesprächspartner und die hinter ihm stehende Gruppe zusammensuchen
2.Nicht immer mit den "typischen" Argumenten bezüglich der Person des Propheten argumentieren. Dessen Handlungsweise müssen vor dem Hintergrund der historischen Situation gesehen werden
3.Sich nicht durch Floskeln wie "welche al Qur'an Ausgabe haben sie benutzt", "der al Qur'an ist nur auf arabisch authentisch", "sie sind Islamophob" etc. aus der Ruhe bringen lassen. Denn es gibt keine Übersetzung aus dem Arabischen, die den genauen Wortlaut widergibt
4.Immer erst ausreden lassen und dann antworten
Jede Seite muss ihre Positionen klar formulieren, damit man einen Dialog führen kann, der dazu dient, dass beide Seiten friedlich zusammenleben können. Denn der Islam als Religion und nicht "al-Islam Din wa Daula" kann mit der FDGO kompatibel sein. Ebenso wie jede andere Religion.
Aber nur wenn folgendes gegeben ist:
1. 100% und glaubhafte Distanzierung von jihadistischen und islamisch fundamentalistischen Ideengut und Anhängern dieser Gruppen. Bisher überwiegt hier noch die Loyalität zur Religionsangehörigkeit.
2.Anerkennung der FDGO und ihren nicht zur Disposition stehenden Prinzipien
3.Anerkennung der allgemeinen Menschenrechte und des Rechtes der Apostasie
4.Historisierung, Rationalisierung und Privatisierung der Religion
5.Verzicht auf überdimensionierte und nicht in das soziale Umfeld passende Moscheebauvorhaben, die oft den Beginn der Entstehung einer abgeschotteten Parallelgemeinschaft markieren
6.Eigeninitiative zu einer Integration in die Gesamtgesellschaft
Ohne Zweifel ist der vierte Punkt der schwierigste, da er eine grundlegende Neuinterpretation der heiligen Quellen beinhaltet. Einen möglichen Weg hat Emel Abidin Algan aufgezeigt. Die Tochter eines verstorbenen hochrangigen Milli Görüs Funktionärs hat nach über 30 Jahren das Kopftuch abgelegt, da sie die Suren des Koran einer neuerlichen Betrachtung unterzogen hat. Sie ist dabei Muslima geworden, die jetzt nicht mehr an einen "strafenden Gott", sondern an einen "liebenden Schöpfer" glaubt.
Von unserer Seite aus sollte folgendes gegeben sein:
1.Anerkennung des Islam als Religion, die die gleichen Rechte des Art.4 GG besitzt wie andere Religionen, wenn sie mit der FDGO kompatibel ist
2.Angebote für integrationswillige Muslime
3.Ein Dialog, der mit liberalen und säkularen Muslimen geführt wird. Auch das ist eine schwierige Angelegenheit und wird am leichtesten vor Ort zu verwirklichen sein
4.Selbstbetrachtung: Stellt das westliche System in seinem jetzigen Zustand tatsächlich eine bessere Alternative dar. Oder zeigen uns islamische Fundamentalisten und Jihadisten nur die bestehenden Schwachstellen des Westens auf? Aus kulturphilosophischer Sicht ist Deutschland keine Multikulturelle Gesellschaft, da schon der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht Paul Kirchhof ausgeführt hat, dass die Verfassung und die Gesellschaft nicht multikulturell, sondern kulturell offen angelegt ist. Darum sollte man den Pleonasmus "Deutsche Leitkultur" nicht verwenden, da jeder Nationalstaat einen nicht zur Disposition stehenden Kern an Werten- und Normen besitzt, der kulturelle Wurzeln besitzt.
Vielmehr sollte man von einer multiethnischen Gesellschaft sprechen, die durch eine Leistungs- und Konsumkultur zusammengehalten wird, die jeden (unabhängig von Ethnie etc.) umbarmherzig aussortiert, der nicht daran teilhaben kann und will, da eine Chancengleichheit nicht gegeben ist.
Vielmehr entscheidet heute das "Geld" und nicht der "Geist" die Stellung des Individuums in der Gesellschaft. Kennzeichen sind unter anderem Bildungsverwahrlosung, kollektive Verantwortungslosigkeit, eine egozentrierte Mitnahme-Mentalität, Hedonismus als Endstufe des Egoismus, "Spaßgesellschaft" als Menetekel von Verblödung, geistige Eckensteherei und der Zerfall von Werten und Normen. Wir erleben eine Entwicklung, die Friedrich Nietzsche als "atomare Revolution" bezeichnet hat. Der Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft in ihre Grundbestandteile und die Herrschaft des totalen Individualismus.
Abseits aller ideologiegeladenen Kritik muss heute festgestellt werden, dass Deutschland jahrzehntelang nur auf den Gedanken ewig wachsendes Wohlstandes und der damit verbundenen Sicherheit gesetzt hat. Da der Staat heute diese Sicherheit nicht mehr garantieren kann, da der Wohlfahrtsstaat an seine Grenzen angelangt ist, wird mehr denn je deutlich, dass der Gedanke der gleichen Chancenverteilung vernachlässigt wurde. Wenn aber jeder entsprechend seinen Fähigkeiten diese ausbilden kann, existiert Gleichheit, die zum Gemeinwohl beitragen kann. Wenn heute aber nur der Geldbeutel der Eltern die Ausbildung und die Chancen im Leben bestimmt, dann stimmt etwas nicht. Nicht das Geld, sondern der Geist ist entscheidend.
Hier setzt der fundamentalistische Islam mit seinem Gegenmodell der angeblich gerechten kollektivistischen Theokratie an und gewinnt immer mehr Anhänger, die sich nicht nur Fremd in der Gesellschaft fühlen, sondern immer mehr auch keine Chancen sehen, ihre Lebensentwürfe in die Tat umzusetzen. Stattdessen folgen sie der Da'wa und wollen die medinensische Ur-Umma revitalisieren.
Nur wenn beide Seiten insgesamt gesehen ihre Vorstellungen artikulieren und ohne vermeintliche Tabus darüber kommunizieren, entsteht ein wirklicher Dialog auf Augehöhe.
Ob aber überhaupt ein solcher Dialog zustande kommen kann, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Denn wenn die Quellen einer kritischen Neuinterpretation unterzogen werden, könnte am Ende etwas ganz Neues stehen, was nicht der "Islam" wäre. Denn durch die Aufgabe der bisherigen Grundsätze und Lehren wären Muslim keine "gläubigen Muslime" mehr für andere Muslime. Und würde man mit diesen "neuen" Muslimen im Dialog treten, könnten diese überhaupt noch für den "Islam" sprechen. Oder würde man mit einer Minderheit in Kommunikation treten. Oder würde sich die Religion spalten?